Wie viel Englisch braucht der Mensch?

Überlegungen zum „Tag der Muttersprache“ am 21. Februar: Fragen über Fragen

Als am 08. Februar 2007 im Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) gefragt wurde „Wer rettet die deutsche Sprache?“ hatten die Programmmacher diese Dokumentation ins Nachmitternachtsprogramm gestellt: War sie also doch nicht von solcher Wichtigkeit für ein breiteres Publikum wie der Inhalt der Sendung nahe legte, oder geschah die Ausstrahlung in später Nachtstunde aus einer gewissen Bedenklichkeit, sich damit Spöttern auszusetzen? Sind die Verfechter der deutschen Sprache einfach nur „zurückgeblieben“ hinter der „modernen, globalisierten“ Welt, einer unzeitgemäßen „Heimattümelei“ nachhängend oder gar in der „rechten Ecke“ stehend, dem „Nationalismus“ verfallen? Sind die, welche sich gegen eine „Verdenglischung“ der deutschen Sprache sträuben, weltabgehobene Spinner? Müssen wir also vom „Airbag“ bis zum „Referee“, dem „McClean“, dem „Carwash“, dem „Shop“ usw. usw. bis hin zu dem unsäglich blödsinnigen „Sale“ – italienisch für „Salz“ (das sie jetzt offenbar überall verkaufen, oder?) – alles schlucken und im Unterschied z.B. zu den sprachbewussten Franzosen, nur ja nicht aufmucken gegen den angloamerikanischen Sprachmüll, nicht zusammenrucken, wie es z.B. der „Verein Deutsche Sprache“ fordert, weil wir uns ja sonst lächerlich machen könnten? Also nur Achselzucken?

 

„Wie keine andere Nation in Europa tendieren die Deutschen bereitwillig zur Aufnahme von englischen Wörtern“, war die mit zahllosen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens  – und in der Menge geradezu schockierenden – Beispielen belegte Hauptthese des genannten Fernsehbeitrages. Dieser hätte erweitert werden können um einen ganz allgemeinen Blick auf  die Sprachenpolitik in Europa und demzufolge auf den Fremdsprachenunterricht an Schulen und in Fortbildungseinrichtungen. Denn überall herrscht die Überzeugung, Englisch sei die „lingua franca“ Europas und der Welt, folglich müsse man sie einfach „können“, sie sei zuförderst zu lernen. „In der Regel Englisch“, hieß das schon vor vielen Jahren seitens der deutschen Kultusministerkonferenz.

 

Gewiss, sollte man das – jedenfalls auf absehbare Zeit. Aber: Wie weit geht dieses „Können“, muss es gehen und bei wem? Oder: wie viel genügt davon für welche Zwecke? Welcher Aufwand an Zeit, Lehr- und Lernstunden – und damit an Geld – ist nötig, sich ein so oder so beschaffenes Können anzueignen? Und: Wo bleiben die anderen Sprachen, auch nur die unserer Nachbarn in Europa? 27 Mitgliedsländer zählt die Europäische Union mit 23 „Amtssprachen“ – den vereinbarungsgemäß zulässigen –  und noch viel mehr Regionalsprachen, wobei das verhältnismäßig winzige Maltesische offiziell anerkannte Amtssprache, aber das viel größere Katalanische lediglich als Regionalsprache rangiert. Das Irische hat erst seit Beginn dieses Jahres seine Zulassung als Amtssprache erhalten zum Leidwesen etwa der Europa-Abgeordneten Ingeborg Gräßle (CDU), deren Einwendungen der irische Diplomat in Brüssel Seán Ó Riain entgegnete, Irisch sei Literatursprache seit 597 n.Chr., habe also eine längere Tradition als das Englische und sämtliche anderen europäischen Sprachen. Es herrscht ein Sprachenkampf in Europa; warum bekommt das die Öffentlichkeit gewöhnlich nicht mit? Auch ein Versagen der Presse?

 

Es ist ja gewiss sinnvoll, für die Arbeit der europäischen Behörden und die verschiedenen Gremien eine praktikable Sprachenregelung zu treffen. Ob das der neuerdings installierte

Kommissar für Mehrsprachigkeit, der Rumäne Leonard Orban, in den Griff bekommen wird, erscheint angesichts der Hartnäckigkeit, mit der die Vertreter der 23 Amtssprachen auf der Geltung ihrer Sprache bestehen, ungewiss. Die Italiener z.B. beschweren sich heftig, dass ihre Sprache als Sprache der Mitbegründer der Einigung Europas nicht den gleichen Rang als „Arbeitssprache“, also in der Praxis der Institutionen verwendete, besitzt wie das Englische, Französische und Deutsche – wobei ja in Wirklichkeit das Übergewicht bei Englisch und Französisch, meist jedoch sogar nur bei Englisch liegt. So meint der Europa-Abgeordnete Michael Gahler (CDU), statt alle Amtssprachen der EU zu benutzen sei es doch viel praktischer, sich „als kleinsten gemeinsamen Nenner“ auf das Englische zu einigen, dieses sei ja heute die „lingua franca, whether you like it or not“ (Schreiben an den Verfasser vom 29.03.2004). Interessant mag an dieser Stelle der Hinweis sein, dass im Völkerbund, der Vorgängerorganisation der UNO zwischen den Weltkriegen, der Japaner Inazô Nitobe das Esperanto als Verbindungssprache vorgeschlagen hat. Der französische Vertreter legte jedoch entgegen die Zustimmung der überwiegenden Mehrheit sein Veto ein, da ja Französisch die internationale Diplomatensprache sei – ein gewaltiger Irrtum im Verlauf der weiteren Entwicklung, hinter der die Macht der USA steht.

 

„Mehrsprachigkeit“ scheint für die internationalen Institutionen die Lösung für den sprachlichen Verkehr zu sein, trotz aller organisatorischen und vor allem finanziellen Schwierigkeiten. Für den Sprachenunterricht gilt sie als der Königsweg. So sollen nach dem ehrgeizigen Ziel der europäischen Institutionen sämtliche Schülerinnen und Schüler neben ihrer Muttersprache zwei Fremdsprachen bis zur möglichst fließenden Beherrschung lernen. Das ist leicht gesagt vom Standpunkt der im internationalen Geschäft Tätigen und also Geübten aus gesehen. Aber kann das, will das jedes Kind, jeder Jugendliche? Selbst Abgeordnete des Europäischen Parlamentes geben schüchtern zu, dass sie sich in der Muttersprache zumindest wohler fühlen als z.B. im Englischen.

 

Nun verstärkt sich der Druck, vor allem Englisch zu lernen  auf die Heranwachsenden noch durch verschiedene Maßnahmen: Englisch schon im Kindergarten als „Immersion“ oder „Eintauchen“ in die englische Sprachwelt, in der Grundschule, nicht nur im Sprach-, sondern auch im „Sachunterricht“ anderer Fächer und in den Vorlesungen der Hochschulen. Wenn von „Sprachen“ für den Unterricht in der Mehrzahl die Rede ist, beruht dies in der Mehrzahl der Fälle auf Augenauswischerei: Wohl nur wenige haben die Möglichkeit, aus einem mehrsprachigen Unterrichtsangebot wirklich frei zu wählen. Beispiel aus der pädagogischen Propaganda: „Nachgewiesen ist, dass Kinder … es leichter haben, Fremdsprachen (Mehrzahl!) zu lernen. Kein Wunder, dass selbst in Kindergärten bereits erster spielerischer Englischunterricht (Einzahl!) abgehalten wird oder gleich die ganze Einrichtung deutsch-englisch funktioniert.“

 

Die mit dem Begriff eines „mehrsprachigen“ Europa verbundene Gleichrangigkeit und Gleichberechtigung der Sprachen und Kulturen wird durch die Dominanz einer Sprache, nur einer in ihr ausgedrückten Denkweise ruiniert. Was für die Ökologie der Tier- und Pflanzenwelt beklagt wird, geschieht auch im sprachlichen Bereich, und zwar nicht nur bei den kleiner Sprachen, die absterben, sondern auch bei den „großen“: Der Deutschunterricht z.B. geht in Frankreich, Italien, Ungarn und anderen Ländern zurück – die Lehrer dafür müssen sich anderweitig umsehen;  oder Russisch: eine Sprache, die uns den östlichen Wirtschaftsraum erschließen könnte, blieb weithin schon gänzlich auf der Strecke.

 

Für englische Schüler freilich sieht es anders aus, denn erstens ist der Fremdsprachenunterricht im Vergleich zu den übrigen Völkern stark eingeschränkt, und zweitens ist man dort gar nicht mehr angewiesen auf die Beherrschung von Sprachen der europäischen Nachbarn: Man könne jetzt „nützliche Sprachen“, lernen, meint Bildungsminister Johnson, wie z.B. Urdu (für Pakistan und Indien) oder Mandarin (für China).

 

Von einem anderen Vorteil profitiert Großbritannien innerhalb der EU: Nicht nur muss es weniger für Übersetzungskosten bei den Institutionen und Behören ausgeben; wie der Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Genf, François Grin, im Auftrag des Hohen Rats zur Evaluation des Schulwesens in Frankreich kürzlich herausgefunden hat, bezahlen die Europäer wegen des Vorherrschens der englischen Sprache jährlich über 17 Milliarden Euro zugunsten Großbritanniens. Da es zu weit führen würde, alle Faktoren dieser Rechnung aufzulisten – u.a. Lehrergehälter, Unterrichtsmaterialien, Sprachreisen usw. – sei nur beispielsweise der finanzielle Einsatz der Stadt Tübingen für das „Bilinguale Projekt im städtischen Kinderhaus Französische Allee“ angeführt. Der Begriff „Mehrsprachigkeit“ wird dort reduziert auf  die „15 verschiedenen Sprachen“ der Kinder mit Migrationshintergrund. Diese erleben alle durch die sog. Immersionsmethode, das umfassende Eintauchen in die Sprache, den „intensiven Kontakt zur Fremdsprache Englisch“. Die bilinguale Erziehung der 3- bis 6-Jährigen im Kindergarten kostet die Stadt Tübingen pro Jahr 64.000,- € für die unterrichtenden englischen Muttersprachler (!) plus 5.000,- € Sachmittel.

 

Die Diskussion anregen könnte eine leider nicht ins Deutsche übersetzte Studie des jahrelang für English Council tätigen und jetzt an der  Kopenhagener Wirtschaftshochschule lehrenden Anglisten Robert Phillipson mit dem Titel „English-Only Europe? Challenging Language Policy“ (2003). Darin spekuliert er u.a. darüber,  ob nicht die künftig wichtigste Weltsprache das chinesische Mandarin werden könnte. Da hätten freilich die englischen Schüler einen großen Vorteil!

 

Armin Grötzner

Kronach-Gehülz


bambiona.de


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Letzte Aktualisierung am 18.02.2017